image
Leitungsführung im Denkmal: Schlitzen vermeiden und Oberflächen schonen - Praktische Lösungen für denkmalgeschützte Gebäude
  • Von Johann Kranz
  • 3/02/26
  • 0

Ein denkmalgeschütztes Haus zu sanieren, ist kein gewöhnlicher Umbau. Wenn es um elektrische Leitungen geht, darf man nicht einfach mit Bohrmaschine und Meißel loslegen. Schlitze in historischen Wänden sind in den meisten Fällen verboten - nicht wegen Bürokratie, sondern weil sie die Substanz unwiederbringlich beschädigen. Die meisten historischen Putze sind nur 12 bis 18 Millimeter dick. Ein einziger falscher Hammerschlag reicht, um den originalen Untergrund freizulegen, Risse zu erzeugen oder den Putz abzulösen. Und das ist nicht nur ästhetisch schlimm: Es zerstört den historischen Wert des Gebäudes für immer.

Warum Schlitzen in Denkmalen tabu ist

Die Regeln kommen nicht aus dem Nichts. Die DAfM-Richtlinie 2, die seit Jahren als Maßstab für Mauerwerksanlagen gilt, verbietet horizontale Schlitze in denkmalgeschützten Wänden, wenn diese weniger als 150 Millimeter dick sind. Die meisten alten Häuser in Österreich und Deutschland haben aber nur 80 bis 120 Millimeter Wandstärke - inklusive Putz. Das bedeutet: Selbst wenn man glaubt, „nur ein kleines Loch“ zu machen, liegt man schon außerhalb der zulässigen Grenzen.

Ein Bericht des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus 2022 zeigt: Bei mechanischer Belastung über 8 N/mm² brechen historische Lehm- und Kalkputze irreversibel. Ein herkömmlicher Meißel übt 15 bis 25 N/mm² aus. Das ist kein „kleiner Eingriff“ - das ist eine Zerstörung. Und die Folgen zeigen sich oft erst nach Monaten: Risse, abfallende Putzstücke, Feuchtigkeitseintritt. Eine Sanierung danach kostet bis zu dreimal so viel wie die ursprüngliche, schonende Installation.

Was stattdessen funktioniert: Oberflächenmontage

Die einfachste und meist zulässige Lösung ist die Oberflächenmontage. Keine Bohrungen, kein Schlitz - die Kabel laufen auf der Wand entlang, versteckt in Kabelkanälen. Das klingt nach einer Notlösung, ist aber in der Denkmalpflege Standard. Laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Denkmalpflege aus 2024 ist die Oberflächenmontage in 78 % der Fälle die einzige genehmigte Methode.

Moderne Kabelkanäle aus holzfarbenen Polymeren sind kaum noch von historischen Leisten zu unterscheiden. Hersteller wie PRIMO GmbH haben spezielle Profile entwickelt, die sich nahtlos an Fußleisten, Türrahmen oder Gesimse anschließen. Die Kanäle sind nur 10 bis 12 Millimeter dick - dünn genug, um nicht als „fremd“ aufzufallen, aber stabil genug, um die Leitungen sicher zu schützen. Die Deutsche Institut für Bautechnik (DIBt) hat diese Lösungen mit einer Zertifizierung von 2023-045/37 ausgezeichnet: Sie entsprechen zu 95 % der historischen Optik.

Kosten und Vorteile im Vergleich

Ja, die Oberflächenmontage ist teurer. Die Materialkosten liegen bei 45 bis 65 Euro pro Meter, während ein konventionelles Schlitzen nur 32 bis 48 Euro kostet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wer schlitzen will, braucht eine Genehmigung vom Denkmalschutzamt. Die dauert im Durchschnitt 8 bis 12 Wochen und kostet zwischen 350 und 700 Euro. Hinzu kommt eine Putzuntersuchung durch ein akkreditiertes Labor - das kostet noch einmal 180 bis 350 Euro. Und selbst wenn die Genehmigung kommt: Der Handwerker muss mit speziellen Geräten arbeiten, die die Belastung auf unter 6 N/mm² begrenzen - und solche Geräte sind teuer und selten.

Die Oberflächenmontage hat einen unsichtbaren Vorteil: Sie ist wartbar. Nach 15 Jahren, wenn die Leitungen altert oder die Technik sich ändert, kann man sie einfach öffnen, austauschen oder erweitern - ohne den Putz zu zerstören. Ein Handwerker aus Wien, der 2023 eine alte Wohnung in der Gumpendorfer Straße sanierte, beschreibt es so: „Nach zehn Jahren mussten wir die Steckdosen erneuern. Mit Oberflächenmontage war das in drei Stunden erledigt. Hätten wir geschlitzt, hätten wir den ganzen Raum neu verputzen müssen.“

Querschnitt einer historischen Wand: links beschädigter Putz, rechts oberflächlich montierter Kabelkanal.

Spezielle Herausforderungen: Nassräume und Decken

Ein häufiges Problem: In Bädern oder Küchen braucht man eine höhere Schutzklasse als IP20 - die Standardklasse bei Oberflächenmontage. Hier helfen spezielle Kabelkanäle mit IP54-Schutz, die nach DIN EN 61085:2020 zertifiziert sind. Sie sind dichter, widerstandsfähiger und eignen sich auch für feuchte Bereiche. Die Hersteller wie HODYRA Elektro oder DENKmalTECH haben Lösungen, die optisch nicht auffallen, aber technisch sicher sind.

Bei Decken ist die Lösung oft eine abgehängte Konstruktion. Wenn die Raumhöhe es zulässt (mindestens 15 cm), kann man eine zweite Decke einbauen, in die Leerrohre integriert werden. Das ist aufwendiger, aber in Kirchen, Rathäusern oder großen Wohnhäusern die einzige Möglichkeit, um die historische Deckenstruktur zu bewahren. Eine Studie der TU München aus 2023 zeigt: In 68 % der Fälle war diese Methode die einzige, die das Denkmalschutzamt akzeptierte.

Was man unbedingt vermeiden sollte

Viele Handwerker glauben, „nur ein kleiner Schlitz“ sei okay - besonders wenn die Wand „dick“ wirkt. Aber Prof. Dr. Markus Jäger von der Universität Bamberg hat 127 historische Gebäude untersucht. Sein Ergebnis: In 63 % der Fälle war der Putz bereits bei einer Schlitztiefe von 8 mm durchbrochen. Das bedeutet: Selbst wenn man glaubt, „nur in den Putz“ zu schneiden, trifft man oft den historischen Mauerstein - und das ist nicht erlaubt.

Auch horizontale Schlitze in der Mitte der Wand sind tabu. Sie schwächen die Tragfähigkeit und können zu Rissen führen. Die Empfehlung des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg ist klar: Waagerechte Schlitze sind mindestens 15 cm über dem Boden und 30 cm unter der Decke auszusparen. Senkrechte Schlitze müssen mindestens 10 cm von Ecken, Fenstern oder Türen entfernt sein. Das ist strenger als in normalen Gebäuden - und das muss man wissen.

Techniker plant elektrische Leitungen digital, während eine abgehängte Decke den historischen Stuck schützt.

Die Zukunft: Digitalisierung und neue Normen

Die Planung wird einfacher. Die Software „DenkmalElektroPlan“ Version 3.2, die seit Oktober 2024 verfügbar ist, simuliert in 3D, wo Leitungen verlaufen können - ohne die Wand zu beschädigen. In Pilotprojekten hat sie die Planungszeit um 35 % reduziert. Das ist ein großer Schritt, denn viele Handwerker haben keine Ahnung, wie man in einem Denkmal arbeitet. Laut einer Schulungsevaluation des ZVEH brauchen Elektrofachkräfte durchschnittlich 40 Stunden zusätzliche Ausbildung, um die Regeln zu verstehen.

Im zweiten Quartal 2025 soll die DAfM-Richtlinie 2 überarbeitet werden - mit noch strengeren Vorgaben. Der Markt wächst: Im Jahr 2024 wurden in Österreich und Deutschland 185 Millionen Euro in schonende Leitungsverlegung investiert. Die Zahl denkmalgeschützter Gebäude steigt jedes Jahr um 2,3 %. Und mit der EU-Richtlinie 2023/2403, die bis 2030 energetische Sanierungen in 75 % der Denkmäler vorschreibt, wird die Nachfrage weiter steigen.

Was bleibt: Respekt vor der Substanz

Es geht nicht darum, moderne Technik zu verweigern. Es geht darum, sie so einzubauen, dass das Denkmal nicht verloren geht. Die beste Lösung ist nicht die billigste - sondern die, die die Geschichte bewahrt. Wer ein denkmalgeschütztes Haus sanieren will, muss akzeptieren: Hier geht es nicht um Schnelligkeit oder Kosteneinsparung. Es geht um Verantwortung. Um Respekt. Um den Wert, den unsere Vorfahren in Stein und Putz hinterlassen haben.

Die Oberflächenmontage ist keine Kompromisslösung. Sie ist die richtige Lösung - für die Zukunft, für die Substanz, für die Nachwelt.

Darf man in einem Denkmal überhaupt elektrische Leitungen verlegen?

Ja, aber nicht durch Schlitze in Wänden oder Decken. Elektrische Leitungen dürfen nur dann in denkmalgeschützten Gebäuden verlegt werden, wenn die historische Bausubstanz nicht beschädigt wird. Die zulässigen Verfahren sind Oberflächenmontage mit Kabelkanälen, die Nutzung historischer Hohlräume oder abgehängte Decken mit integrierten Leerrohren. Schlitzen ist nur in sehr seltenen Fällen erlaubt - und dann nur mit Genehmigung und unter strengen Auflagen.

Warum sind Kabelkanäle in Denkmalen erlaubt, aber Schlitze nicht?

Kabelkanäle liegen auf der Oberfläche und verändern die Wandstruktur nicht. Sie sind entfernbare Elemente, die keinen Eingriff in die historische Substanz darstellen. Schlitze hingegen durchbrechen Putz, Mauerwerk oder Holzrahmen - und das ist eine irreversibele Veränderung. Selbst kleine Schlitze können zu Rissen, Feuchtigkeitsschäden oder strukturellen Schwächen führen. Denkmalschutz bedeutet: Erhalten, nicht verändern.

Wie teuer ist eine Oberflächenmontage im Vergleich zu Schlitzen?

Die Materialkosten für Kabelkanäle liegen bei 45-65 €/m, Schlitzen kostet 32-48 €/m. Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Für Schlitzen braucht man eine Genehmigung vom Denkmalschutzamt - das kostet 350-700 € und dauert 8-12 Wochen. Dazu kommt eine Putzuntersuchung (180-350 €) und spezielle Geräte. In der Summe ist die Oberflächenmontage oft günstiger - und risikoloser.

Kann man Kabelkanäle in Bädern verwenden?

Ja, aber nur mit speziellen Kanälen, die eine Schutzklasse von IP54 haben. Standard-Kabelkanäle (IP20) sind in Nassräumen nicht zulässig. Es gibt aber zertifizierte Produkte nach DIN EN 61085:2020, die wasser- und staubdicht sind - und optisch so unauffällig sind, dass sie sich in historischen Bädern nahtlos einfügen.

Was passiert, wenn man trotzdem schlitzen lässt?

Wenn Schlitze ohne Genehmigung gemacht werden, kann das Denkmalschutzamt eine Sanierungsanordnung erlassen. Das bedeutet: Du musst die Leitungen entfernen, die Wand wiederherstellen - und das kostet oft 2.000 bis 5.000 € mehr als eine korrekte Installation. Außerdem drohen Bußgelder. In manchen Fällen wird sogar die Baugenehmigung widerrufen. Es ist kein Risiko, das sich lohnt.

Leitungsführung im Denkmal: Schlitzen vermeiden und Oberflächen schonen - Praktische Lösungen für denkmalgeschützte Gebäude
Johann Kranz

Autor

Ich bin ein erfahrener Tischlermeister aus Wien und spezialisiere mich auf die Herstellung und Installation von Innentüren. Meine Leidenschaft für das Handwerk zeigt sich in jeder Tür, die ich herstelle. Neben meiner Arbeit genieße ich es, Artikel über verschiedene Aspekte und Trends im Bereich Innentüren zu schreiben.