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Holzschutz im Denkmal: Wie Bohrmehl, Pilze und Insekten historisches Holz bedrohen - und was dagegen hilft
  • Von Lukas Winkler
  • 13/02/26
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Historische Gebäude tragen die Spuren der Zeit in ihrem Holz. Fachwerkhäuser, Dachstühle, Türen und Fensterläden aus dem 17. oder 18. Jahrhundert sind nicht nur Bauteile - sie sind Zeugen der Geschichte. Doch was viele nicht sehen: Unter der Oberfläche lauern drei große Gefahren, die dieses Erbe langsam auffressen - Bohrmehl, Pilze und Insekten. Und wenn man sie nicht rechtzeitig erkennt, ist das Holz nicht mehr zu retten - und mit ihm ein Teil des kulturellen Erbes.

Bohrmehl: Das unscheinbare Warnsignal

Bohrmehl sieht aus wie feiner Holzstaub. Es liegt in kleinen Häufchen an Fensterbänken, in Fugen oder am Boden unter Holzbalken. Viele halten es für einfachen Staub. Doch es ist das typische Abfallprodukt von Holzwürmern - den Larven von Holzbohrern. Diese Insekten fressen sich durch das Holz, hinterlassen Tunnel und schieben das zermahlene Holz als Bohrmehl nach außen. Die Farbe des Bohrmehls sagt viel aus: hellgelb oder weiß deutet auf aktive Befälle hin, grau oder dunkel bedeutet meist, dass der Schädling schon lange verschwunden ist - aber der Schaden bleibt.

Ein typisches Zeichen: kleine Löcher im Holz, meist 1-3 mm groß. Wenn man das Bohrmehl wegwischt und innerhalb weniger Wochen wieder neue Ansammlungen entdeckt, ist das ein klares Signal: Der Befall ist aktiv. In alten Fachwerkhäusern in Hamburg oder Lübeck findet man diese Hinweise oft an den Fußleisten, den Dachsparren oder an alten Türrahmen. Ein Schadensbild, das man nicht ignorieren darf.

Pilze: Der unsichtbare Zerstörer

Pilze brauchen Feuchtigkeit. Und in alten Häusern mit undichten Dächern, schlecht isolierten Wänden oder feuchten Kellern ist das eine ständige Bedrohung. Der bekannteste Pilz ist der Fasermuffel, der das Holz in Würfelbruch verwandelt - das Holz bricht in Würfeln, klingt hohl, wenn man draufklopft, und fühlt sich an wie feuchte Pappe.

Ein historisches Fachwerkhaus mit 200 Jahren hat oft mehrere Holzarten: Eiche, Fichte, Kiefer. Jede Art reagiert anders. Fichte ist anfälliger als Eiche. Aber wenn die Luftfeuchtigkeit über 20 % steigt, ist fast jedes Holz bedroht. Die Pilzsporen liegen überall - sie warten nur auf die richtige Feuchtigkeit. Und das ist das Problem: In Denkmälern darf man nicht einfach die Wände abdichten oder die Luftfeuchtigkeit mit einer Klimaanlage runterfahren. Das würde das historische Gebäude in seiner Substanz verändern.

Die Lösung? Konstruktiver Holzschutz. Das bedeutet: Feuchtigkeit abführen, nicht verstecken. Dachrinnen reinigen, Fugen abdichten, Lüftung verbessern. Nur wenn die Feuchtigkeit weg ist, stirbt der Pilz von selbst. Chemische Mittel sind hier die letzte Option - und nur, wenn der Schaden schon da ist.

Insekten: Wer frisst das Holz?

Nicht nur der Holzwurm ist ein Problem. In Deutschland gibt es mindestens sechs verschiedene Holzschädlinge, die historisches Holz angreifen. Der gemeine Holzwurm (Anobium punctatum) ist der bekannteste. Aber auch der Hausschädling (Hylotrupes bajulus) und der Wanzenbohrer (Lyctus brunneus) treten häufig auf - besonders in alten Möbeln, Türpfosten oder Fensterbänken.

Der Unterschied: Der Holzwurm frisst meist nur das Weichholz und lässt typische Bohrmehl-Häufchen zurück. Der Wanzenbohrer dagegen greift vor allem Oberflächenholz an - und hinterlässt nur winzige Löcher von 1 mm. Sein Bohrmehl ist feiner als Mehl - fast unsichtbar. Und er bevorzugt Holz, das schon einmal lackiert war. Ein klassischer Fall in alten Fensterläden mit mehreren Farbschichten.

Die falsche Reaktion? Alles abschleifen und neu streichen. Das hilft nicht. Die Larven sitzen tief im Holz. Sie brauchen Jahre, um auszureifen. Und wenn man die Oberfläche verschließt, entsteht eine perfekte Kammer - mit Feuchtigkeit und Wärme. Die Larven überleben. Die Schädigung geht weiter.

Feuchtes Holz mit würfelförmiger Fäule durch Pilzbefall in einem historischen Dachstuhl.

Was macht ein echter Holzschutzgutachter?

Ein Holzschutzgutachten ist kein einfacher Blick auf das Holz. Es ist eine wissenschaftliche Untersuchung, die mit der DIN 68800 und den Regeln des Denkmalschutzes arbeitet. Ein qualifizierter Gutachter geht so vor:

  • Er prüft sichtbare Schäden: Bohrlöcher, Bohrmehl, Farbveränderungen.
  • Er misst die Holzfeuchte mit einem Feuchtigkeitsmessgerät - nicht nur an der Oberfläche, sondern auch in der Tiefe.
  • Er nutzt nicht-destruktive Methoden: Ultraschall, Röntgen oder thermische Kamera, um verborgene Hohlräume zu finden - ohne das Holz zu beschädigen.
  • Er identifiziert die Holzart: Ist es Eiche, Kiefer, Lärche? Jede Art hat andere Resistenz-Eigenschaften.
  • Er unterscheidet zwischen altem und aktiven Schaden: Ist der Befall noch aktiv, oder ist er schon vor 50 Jahren gestoppt worden?

Diese Informationen werden in einem Gutachten festgehalten - und bilden die Grundlage für jede Sanierung. Ohne dieses Gutachten darf man in einem Denkmal nichts tun. Kein Bohren, kein Streichen, kein Ersetzen.

Was darf man wirklich tun? Sanierung im Denkmal

Im Denkmalschutz geht es nicht darum, das Holz zu „retten“ wie bei einem modernen Haus. Es geht darum, es zu erhalten - mit all seinen Spuren. Deshalb gelten strenge Regeln:

  • Kein vollständiger Austausch. Nur das beschädigte Holz wird ersetzt - und nur mit artgleichem, getrocknetem Holz. Das heißt: Wenn es ein Eichenbalken war, muss es ein Eichenbalken bleiben. Kein Fichtenholz.
  • Kein chemischer Schutz als Erstmaßnahme. Chemische Injektionen oder Sprays sind nur erlaubt, wenn der Schaden schon da ist und konstruktive Maßnahmen nicht ausreichen.
  • Kein Verkleben oder Abdichten. Alte Holzkonstruktionen atmen. Sie müssen Feuchtigkeit abführen können. Eine moderne Dampfsperre wäre ein Verbrechen an der Bausubstanz.
  • Alte Anstriche nicht einfach abschleifen. Sie sind Teil der Geschichte. Man entfernt sie behutsam - mit Ziehklingen, leichtem Sandstrahlen oder sogar CO2-Strahlen, um das Holz nicht zu beschädigen.

Die richtigen Anstriche? Sie müssen atmungsaktiv sein. Ein Beispiel: JOTUN TREGRUNNING Klar - ein lösungsmittelbasiertes, farbloses Grundiermittel, das die Holzfasern zusammenhält und gleichzeitig Feuchtigkeit entweichen lässt. Oder DEMIDEKK ULTIMATE HELMATT - eine wasserbasierte, matte Farbe, die das Holz sichtbar lässt, aber vor Regen schützt. Beide haben einen Sd-Wert unter 0,5. Das bedeutet: Die Wand kann atmen.

Ein Fachmann untersucht ein altes Holzbalken mit ultraschalltechnischen Geräten, ohne es zu beschädigen.

Langfristige Strategie: Vorbeugen ist besser als Sanieren

Ein Denkmal braucht keine einmalige Sanierung. Es braucht eine Lebensplanung. Dazu gehören:

  • Regelmäßige Kontrollen. Alle 2-3 Jahre sollte ein Fachmann das Holz prüfen - besonders nach nassen Wintern oder heißen Sommern.
  • Feuchtigkeitsmanagement. Dachrinnen reinigen, Kondenswasser abführen, Keller lüften - das ist die wichtigste Maßnahme.
  • Dokumentation. Jeder Schaden, jede Behandlung, jedes Holzteil wird fotografiert und protokolliert. So kann man später nachvollziehen, was passiert ist.
  • Bildung. Die Hausbewohner oder die Verwalter müssen verstehen: Ein feuchter Putz ist kein Problem - ein feuchter Balken ist eine Katastrophe.

Wer das nicht tut, riskiert, dass in 10 Jahren ein ganzer Dachstuhl weg ist. Und dann ist es zu spät - nicht nur für das Holz, sondern auch für den Wert des Denkmals.

Was bleibt: Respekt vor dem Material

Historisches Holz ist kein Abfall. Es ist ein Werkstück, das Jahrhunderte überstanden hat. Es hat Klimaschwankungen, Kriege, Umbauten überlebt. Es verdient Respekt - nicht eine moderne Lösung, die schnell wirkt, aber langfristig schadet.

Der richtige Holzschutz im Denkmal beginnt nicht mit dem Pinsel. Er beginnt mit dem Auge. Mit der Frage: Was ist wirklich kaputt? Und mit der Geduld, nicht alles zu ersetzen - sondern zu erhalten. Denn das, was wir heute retten, wird morgen als Erbe weitergegeben - und nicht als verrotteter Rest.

Holzschutz im Denkmal: Wie Bohrmehl, Pilze und Insekten historisches Holz bedrohen - und was dagegen hilft
Lukas Winkler

Autor

Ich arbeite als Tischler und liebe es, Möbel und andere Holzarbeiten zu gestalten. Meine Leidenschaft gilt der Perfektion von Details und dem kreativen Einsatz von Materialien. Neben meiner praktischen Arbeit schreibe ich gerne über Heimwerkerprojekte und gebe Tipps und Anleitungen, um anderen dabei zu helfen, ihre Wohnräume zu verschönern. Ich finde es erfüllend, meine handwerklichen Erfahrungen mit anderen zu teilen und sie zu inspirieren.