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Generationenmodell: Wie Familien das Elternhaus gemeinsam renovieren und Mehrfamilienwohnen schaffen
  • Von Jana Müller
  • 4/01/26
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Stellen Sie sich vor: Ihr Elternhaus, das Sie als Kind kannten, wird nicht abgerissen oder verkauft. Stattdessen wird es zu einem neuen Zuhause für drei Generationen - Ihre Eltern, Sie und Ihre Kinder. Kein Umzug, keine Mietsteigerung, kein Neubau. Nur eine sorgfältige Renovierung, die nicht nur Wände verändert, sondern auch Beziehungen stärkt. Das ist das Generationenmodell - und es wird in Deutschland immer häufiger Realität.

Warum renovieren statt neu bauen?

Viele Familien stehen vor der Frage: Wo wohnen wir, wenn Mama und Papa nicht mehr allein im großen Haus leben können? Ein Altenheim? Ein Pflegeapartment? Oder doch lieber ein eigenes, familiäres Zuhause? Die Antwort liegt oft im bestehenden Elternhaus. Laut einer Studie der Technischen Universität München ist die Renovierung des Elternhauses im Durchschnitt 35 Prozent günstiger als der Neubau einer separaten Wohneinheit auf demselben Grundstück. Und das, obwohl die Kosten für eine vollständige Umgestaltung zwischen 85.000 und 120.000 Euro liegen können.

Warum lohnt sich das? Weil Sie kein neues Grundstück kaufen müssen. Keine Maklerkosten. Keine Bauzeit von 18 Monaten. Die Renovierung dauert im Schnitt nur 6 bis 9 Monate. Und Sie behalten das, was zählt: die Erinnerungen, der Garten, die Nachbarschaft. Die Familie bleibt an einem Ort, den sie kennt - nur jetzt mit mehr Platz, mehr Sicherheit und mehr Nähe.

Wie sieht ein echtes Mehrgenerationenhaus aus?

Ein echtes Mehrgenerationenhaus hat keine offenen Wohnbereiche. Es hat drei getrennte Wohnungen. Jede mit eigener Küche, eigenem Bad, eigenem Eingang. Keiner muss sich in den anderen hineinfinden - aber alle können sich leicht treffen. Das ist der Kern des Modells: Privatsphäre mit Verbindung.

Typisch sind zwei Etagen mit einem separaten Wohnbereich im Erdgeschoss für die älteren Eltern. Oder ein Anbau hinten, der als Wohnung für die junge Familie dient. Der Flur wird breiter - mindestens 1,20 Meter, wie es die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Familienmedizin empfiehlt. Türen werden barrierefrei, Treppen mit Geländern versehen. In 60 Prozent der Fälle wird ein Aufzug nachgerüstet. Die Kosten dafür: durchschnittlich 28.500 Euro. Aber das ist kein Luxus. Das ist Sicherheit.

Und die Energie? Seit November 2020 gilt das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Nach der Renovierung darf das Haus nicht mehr als 75 kWh pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen. Das bedeutet: neue Fenster, starke Dämmung, eine moderne Heizung. In 31 Prozent der Fälle mussten Familien nachträglich mehr investieren, um diese Vorgaben zu erfüllen. Aber es lohnt sich. Die Energiekosten sinken, und die KfW fördert bis zu 150.000 Euro mit Zuschüssen und günstigen Krediten.

Die finanzielle Realität: Wer zahlt was?

Hier liegt der Knackpunkt. Die meisten Familien starten mit gutem Willen - und enden mit Streit. Warum? Weil niemand vorher klare Regeln aufschreibt.

Ein Beispiel: Drei Geschwister renovieren gemeinsam das Elternhaus. Der Älteste zahlt 50 Prozent, die beiden Jüngeren je 25 Prozent. Später zieht der Älteste mit seiner Familie ein - und nutzt die größte Wohnung. Die Jüngeren bekommen kleinere Räume. Plötzlich fühlt sich der Älteste benachteiligt, weil er mehr bezahlt hat. Die Jüngeren fühlen sich ausgenutzt, weil sie weniger Platz haben. Keiner hat einen Vertrag unterschrieben. Und plötzlich ist die Familie zerstritten.

Das ist kein Einzelfall. Laut Professor Dr. Michaela Poeschl von der Universität Bamberg enden 28 Prozent der Renovierungsprojekte in familiären Konflikten - manchmal sogar mit dem Ende der gemeinsamen Wohnform. Die Lösung? Ein notariell beglaubigter Nutzungsvertrag. In 85 Prozent der Fälle halten diese Verträge vor Gericht. Sie regeln: Wer zahlt wie viel? Wer wohnt wo? Wer ist für Reparaturen verantwortlich? Was passiert, wenn jemand auszieht? Wer kauft die Möbel? Wer bezahlt die Stromrechnung für die Gemeinschaftsflächen?

Finanziert wird das meist mit Eigenkapital (durchschnittlich 40 Prozent), einem KfW-Darlehen (Programm 159) und manchmal einem Familienkredit. Die KfW zahlt bis zu 15 Prozent Zuschuss, wenn die Wohnung barrierefrei und energieeffizient ist. Und ab 2024 könnte es eine neue „Generationenwohnprämie“ geben - eine Steuererleichterung für solche Projekte. Aber das ist noch Zukunft. Heute zählt: klare Zahlen, klare Verträge, klare Gespräche.

Schnittansicht eines umgebauten Hauses mit barrierefreiem Erdgeschoss, mittlerer Etage und Anbau für junge Familie.

Was passiert, wenn die Pflege nötig wird?

Ein großer Treiber für das Generationenmodell sind die steigenden Pflegekosten. In den letzten fünf Jahren sind sie durchschnittlich um 22 Prozent gestiegen. Wer seine Eltern zu Hause pflegt, spart Tausende Euro im Jahr. In einer Familie aus Stuttgart, die ihr Elternhaus renoviert hat, sanken die Pflegekosten für die Mutter um 70 Prozent - weil sie jetzt direkt nebenan wohnt, nicht in einem Pflegeheim.

Barrierefreiheit ist hier kein Bonus - sie ist Pflicht. Der Flur muss breit genug für einen Rollstuhl sein. Die Dusche muss ebenerdig sein. Der Toilettensitz muss höhenverstellbar sein. Die Lichtschalter müssen leicht erreichbar sein. Das alles kostet Geld. Aber es ist günstiger als ein Pflegeplatz. Und es gibt menschliche Vorteile: Die Großeltern sehen ihre Enkel jeden Tag. Die Kinder lernen, wie man mit älteren Menschen umgeht. Die Eltern spüren: Wir sind nicht allein.

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GIZ) bietet seit 2021 ein kostenloses Beratungsangebot „Mehrgenerationenwohnen planen“ an. Über 2.500 Familien nutzen es jedes Quartal. Es hilft, die richtigen Architekten zu finden, die Fördermittel zu beantragen, die rechtlichen Hürden zu überwinden. Es ist kein Wundermittel - aber es verhindert viele Fehler.

Die emotionalen Vorteile, die keiner berechnet

Niemand rechnet mit dem, was wirklich zählt: Die Abendessen, die plötzlich wieder stattfinden. Die Geschichten, die Opa jetzt erzählt, weil er Zeit hat. Die Hilfe bei den Hausaufgaben, die Oma gibt, ohne dass sie es als „Pflicht“ sieht. Die Kinder, die lernen, dass Alter nicht bedeutet, dass man nutzlos ist.

Ein Vater aus München schrieb in einem Forum: „Nach der Renovierung hat meine Tochter zum ersten Mal ihren Großvater beim Kochen gesehen. Nicht als kranken Menschen im Bett. Sondern als jemand, der Brot backt und mit ihr die Zutaten abzählt. Das hat sie verändert.“

Das ist es, was die Statistiken nicht zeigen: 68 Prozent der Familien berichten, dass sich ihr Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt hat. Die Nachbarschaftshilfe steigt um 63 Prozent. Die Kinder sind sicherer. Die Älteren fühlen sich gebraucht. Die Familie wird nicht auseinandergerissen - sie wird neu zusammengesetzt.

Drei Generationen gemeinsam in der Küche eines renovierten Hauses, während Großmutter einem Kind beim Backen hilft.

Wo funktioniert es nicht?

Es gibt Grenzen. Ein altes Haus mit dicken Außenwänden, schmalen Treppen, unveränderbarem Grundriss - da bleibt nicht viel Spielraum. In 43 Prozent der Fälle mussten Familien Kompromisse machen. Ein Bad musste kleiner werden. Die Küche wurde in den Flur verlegt. Der Garten wurde halbiert, um Platz für einen Aufzug zu schaffen.

Und dann ist da noch die emotionale Belastung. Wer hat das letzte Wort? Wer entscheidet über die Farbe der Wand? Wer bezahlt den neuen Kühlschrank? Wer putzt die gemeinsame Treppe? Diese Fragen klingen banal - aber sie brechen Familien.

Ein Reddit-Thread aus dem April 2023 beschreibt es so: „Wir haben 120.000 Euro investiert. Und am Ende hat uns die Renovierung mehr gekostet als Geld - es hat uns fast die Familie gekostet.“ Der Grund? Kein Vertrag. Keine klare Aufteilung. Keine Regeln für Streitigkeiten.

Das Generationenmodell funktioniert nur, wenn alle bereit sind, zu verhandeln. Wenn die Eltern nicht denken: „Ich gebe euch das Haus.“ Sondern: „Wir bauen gemeinsam ein neues Zuhause.“ Wenn die Kinder nicht denken: „Wir retten unsere Eltern.“ Sondern: „Wir bauen ein Leben für alle.“

Was kommt als Nächstes?

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: 3,2 Millionen Haushalte in Deutschland leben heute in Mehrgenerationenkonstellationen - das ist eine Steigerung von 41 Prozent seit 2011. Bis 2030 könnte jeder fünfte Haushalt so wohnen. Die Bundesregierung plant, die Förderung auszuweiten. Die Bauwirtschaft entwickelt neue Standardlösungen für die Umgestaltung von Einfamilienhäusern.

Und doch bleibt der größte Treiber nicht die Politik, nicht die Statistik - sondern die Menschlichkeit. Die Angst, die Eltern allein zu lassen. Die Sehnsucht, die Kinder in einer stabilen Umgebung aufwachsen zu lassen. Der Wunsch, nicht nur zu überleben, sondern gemeinsam zu leben.

Das Generationenmodell ist keine Modeerscheinung. Es ist eine Antwort auf eine alte Frage: Wie wollen wir alt werden? Und wie wollen wir unsere Kinder großziehen? Die Antwort liegt nicht in einem neuen Haus. Sondern im alten - mit neuen Türen, neuen Wänden, neuen Herzen.

Kann ich das Elternhaus auch ohne Baugenehmigung renovieren?

Nein. Jede Umwandlung in mehrere Wohnungen erfordert eine Baugenehmigung. Das gilt auch, wenn nur die Innenaufteilung verändert wird. Die Gemeinde prüft, ob die neue Nutzung den Bebauungsplänen entspricht, ob die Erschließung ausreicht und ob die Brandschutzvorschriften erfüllt werden. Ignorieren Sie das nicht - sonst drohen Bußgelder oder sogar die Rückabwicklung der Renovierung.

Wie viel kostet ein barrierefreies Bad?

Ein barrierefreies Bad kostet zwischen 15.000 und 25.000 Euro, abhängig von der Größe und den gewählten Materialien. Dazu gehören ebenerdige Dusche, höhenverstellbarer Waschbecken, fest installierte Haltegriffe, rutschfeste Fliesen und eine Heizung, die auch im Winter schnell warm wird. Die KfW fördert bis zu 10.000 Euro pro Bad über das Programm 159, wenn es den Anforderungen der DIN 18040-2 entspricht.

Bekomme ich Fördergelder, wenn ich das Haus nur für mich renoviere?

Nein. Die KfW-Förderung für Mehrgenerationenwohnen (Programm 159) ist nur für Umbauten mit mindestens zwei separaten Wohnungen und einer nachweisbaren familiären Nutzung verfügbar. Wenn Sie das Haus nur für sich selbst modernisieren, kommen nur die allgemeinen Energieeffizienz-Förderungen in Frage - aber nicht die speziellen Zuschüsse für Generationenwohnen.

Wie lange hält eine solche Renovierung?

Eine gut geplante und fachgerecht durchgeführte Renovierung hält mindestens 30 bis 40 Jahre. Die wichtigsten Faktoren sind die Qualität der Dämmung, die Art der Heizung und die Wartung der technischen Anlagen. Ein gut gedämmtes Haus mit einer Luft-Wasser-Wärmepumpe und regelmäßiger Wartung kann leicht 50 Jahre lang wirtschaftlich betrieben werden - und das, ohne dass die Bewohner umziehen müssen.

Muss ich das Haus vererben, wenn ich es renoviere?

Nein. Die Renovierung ändert nichts am Eigentumsrecht. Sie können das Haus weiterhin verkaufen, vermieten oder vererben - wie vorher. Aber ein notarieller Nutzungsvertrag kann festlegen, dass die Wohnrechte der anderen Familienmitglieder auch nach einem Verkauf bestehen bleiben. Das ist sinnvoll, wenn Sie die familiäre Wohnform langfristig erhalten wollen.

Generationenmodell: Wie Familien das Elternhaus gemeinsam renovieren und Mehrfamilienwohnen schaffen
Jana Müller

Autor

Ich bin eine talentierte Tischlerin und liebe es, über Themen rund um Heimwerkerprojekte zu schreiben. Meine Arbeit umfasst die Gestaltung und Herstellung einzigartiger Möbelstücke, die sowohl funktional als auch ästhetisch ansprechend sind. Ich freue mich darauf, Menschen zu inspirieren und ihnen zu helfen, ihre Wohnräume zu verschönern.